Erangen und Benanen

Brasilien hat viele Gesichter, viele Dinge sind schwer zu verstehen und einige Konzepte nicht übersetzbar. Gambiaha nennt man zum Beispiel behelfsweise Einrichtungen. Eine transportable Gasflasche, statt einer Gasleitung, wie es in 95% aller Haushalte üblich ist. Elektrisch verkabelte Duschen mit 220V am Brausekopf. Standard. Bitte nicht bei laufendem Wasser die Temperatur ändern!

Leicht zu verstehen ist vieles in Deutschland allerdings auch nicht. In den letzten Monaten wurde das gesellschaftliche Leben praktisch stillgelegt, wer zu Hause Besuch empfängt, muss damit rechnen, vom Nachbarn denunziert, mit einer saftigen Strafe belegt und in den Medien öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Geht’s noch? Welche alte Mentalität taucht hier wieder auf? Man beobachtet einander. Maskenpflicht. Kaum eine Verordnung basiert auf wissenschaftlicher Evidenz. Ich habe den Eindruck, dass aus dem Druck heraus, etwas tun zu müssen einfach irgendwas getan wird. Nagut. Ich erkenne das Land doch wieder.

Es ist zu viel passiert, um die richtigen Worte dafür zu finden. Die Welt hat sich verändert, während wir mit unserer Karre durch Brasilien gekachelt sind. Das größte Abenteuer ist ohne uns passiert. Oder an uns vorbei. Was eine Reise wie unsere ausmacht, ist dass man vorher nicht weiß, was eigentlich passieren wird. Alles ist möglich, aber nicht alles ist eingetreten.

Ich fahre mit dem Taxi zur Werkstatt durch Sao Paulos Feierabendverkehr. Zweieinhalb Stunden für 30km. Wie sollte ich mich ohne Navi auf dem Rückweg zurecht finden? Nur noch 40%akkuladung, ich entscheide mich, das display zwischendurch zu deaktivieren. Beim einschalten hängt das GPS. Ich wähle zweimal die richtige Abfahrt, dann führt mich das Gerät schnurgrade mitten durch die Metropole. Eines der hellen Momente meiner Reise. Eigentlich unspektakulär. Da ist man ein halbes Jahr in Südamerika und ist dann stolz darauf, fehlerfrei durch eine Großstadt zu kommen. Brasilianische Straßenführung ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

Wer von der Autobahn abfährt gerät leicht auf der Gegenfahrbahn. Das ist notwendig, um sich einzufädeln. Also aufpassen.

Wer nicht nach Rio de Janeiro gekommen ist, kann zwar trotzdem, in Brasilien gewesen zu sein, hat aber eins der schönsten Gesichter verpasst. Also nix wie hin. Gegenüber von Rio liegt Niteroi auf der anderen Seite der Bucht. Hier parken wir, mit Blick auf den beleuchteten Christo und die beeindruckende Brücke Rio-Niteroi. Wir nehmen die Fähre und latschen mit den Kindern bisschen durch Rio. Bevor es dunkel wir fahren wir wieder zurück und ehrlich, wir könnten auch die Nacht in Rio verbringen und dann mit der ersten Fähre wieder zurück, aber natürlich dürfen die Kinder nicht mit in den Nachtclub. Stattdessen spiele ich noch ein bisschen mit den beiden im Bus. Bis Schlafenszeit ist und ich echt kaputt. So, sage ich, das war ein echt schöner Tag, nö, sagt der große, blöder Tag.

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