Was bisher geschah

Der innere Garten

Was bedeutet es schon, ein Land zu bereisen? Die Reiseempfehlungen häufen sich. Das Abenteuer wartet. Wenn wir schon durch Brasilien fahren, sollten wir unbedingt ins Pantanal. Dort ist es wunderschön. Das Pantanal ist ungefähr so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Naja, wer Europa bereist, sollte auch Deutschland einen Besuch abstatten. Ab wann kann man behaupten, ein Land bereist zu haben?

Ich behaupte von mir selbst, dass ich schonmal in Rumänien gewesen bin. Auf einem Flug nach Peking hatte ich fünf Stunden Aufenthalt am Flughafen. Ich habe mich hinausgeschlichen, 10 Mark getauscht und den Bus ins Stadtzentrum genommen. Dort habe ich in einer Bar zwei Martinis getrunken und dann den Palast der Republik angeschaut. Das war ein schöner Nachmittag. Ich hätte fast meinen Anschlussflug verpasst. Wenn man mich nun fragt, erkläre ich, dass ich schonmal in Rumänien war. Allerdings nur kurz. Aber ich erinnere mich gerne daran. Ich würde nicht behaupten, dass ich das Land bereist habe. Aber wer kennt sich schon aus?

15.1.Hausabnahme

Natürlich ist es ein besonderer Moment, wenn man nach vier Jahren sein Haus verlässt, um mit seiner Familie auf Reisen zu gehen. Wir vier nutzen die letzte Chance, bevor der Große in die Schule muss. Wir fliegen nach Südamerika, von Februar bis Juli!

Anstatt sesshaft zu werden, ziehen wir nochmal in die welt. Unsere Habseligkeiten können wir in dem schönen Haus von Daggis Mutter unterstellen und vielleicht können wir dort auch wohnen, wenn wir wiederkommen. Das ist die Basis, auf der unsere Reise überhaupt möglich ist.

Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wenn ich vor dem Garten stehe, den ich vier Jahre lang nicht gepflegt habe und in dem ich mich viel zu selten aufgehalten habe. Ich habe zu viel gearbeitet und die Zeit, die übrig geblieben ist, haben die Kinder in Anspruch genommen. Naja, ich sehe keinen Sinn darin, Blumenbeete anzulegen. Eine Skateboardbahn habe ich angelegt, die war super, die musste ich verkaufen. Ich hoffe, sie ist in gute Hände gekommen.

DieLandschaft ist schön, die Straßen gut ausgebaut… Mehr kann man von Südamerika doch eigentlich auch nicht erwarten. Ich habe mich nicht darum bemüht, eine große Reise zu machen, war zu viel mit den Anforderungen des Alltags beschäftigt. Als der Entschluss aufkam, war er jedoch unumkehrbar. Was ich konnte, habe ich beigetragen. Meinen Reisepass wieder zu finden. Und ich habe mich nicht gesträubt.

Viele Bekanntschaften vermisse ich jetzt schon. Aber meine Liebe bleibt. Egal, ob in Wennigsen, Haldensleben oder Montevideo.

22.1.Jetzt geht es los, es wird konkret. Ich spüre Reiselust, es geht nach Montevideo dann weiter nach Sacramento. Dort treffen wir unsere Gefährtin der ersten Stunde. Stella hatte in den ersten Stunden des neuen Jahres die trunkene Idee, uns in den ersten vier    Wochen zu begleiten. Sie besucht noch einen Freund in Buenos Aires. Ach, wie klein die Welt doch ist. Sacramento ist gut gelegen, weil unser tofftoff erstmal außer Landes muss. So sind die Regeln. Ich will es gar nicht so genau verstehen.

Ich hab mich heute um technische Dinge dieses Blogs gekümmert. Mein Server zieht erstmal um. warum sollte es ihm besser gehen als mir? Dafür gibt’s dann webhosting basic mit SSL… Manmanman. Sachen gibt’s. Ein bisschen Programmierer muss man für sowas also doch sein.

Meine Kinder lieben die Sendung mit der maus-app. Ich finde das maus-roboter-spiel super. Ich finde, das ist Programmierung, wie sie sein sollte. Schaut mal rein, Mobilität als begrenzte Ressource.

23.1.Wir leben in einer Welt, die sich unseren Vorstellungen fügt. Viele der Selbstverständlichkeiten unseres Alltages sind eigentlich recht neue Errungenschaften unserer Gesellschaft und in den meisten Fällen darauf ausgerichtet, die Kontrollmechanismen zu verfeinern, unser Verhalten anzupassen und mehr Menschen auf engeren Raum zu koordinieren.

Beispiele dafür sind das Konzept des Nationalstaats, das es bis vor 300 Jahren kaum gab, das Konzept der zwei Geschlechter, naja das es schon länger gibt, damit einher gehend das Konzept monogamer Beziehungen, das von den dreien wohl am meisten auf der Kippe steht. Das Konzept Privatbesitz. Die Kleinfamilie. Gesundheit und Krankheit. Schule und Bildung, Sittlichkeit und Moral. Irgendwie fängt das alles schon mit der Sprache an. Ich und du. Das Konzept der Person.

Was mich gerade beschäftigt ist das Konzept der Arbeit und die Überzeugung, dass Arbeit etwas grundlegend unerfreuliches sein muss. Also ich habe schon von Seminaren gehört, in denen die Teilnehmer gefragt wurden, ob sie mit ihrem Job vollkommen glücklich und zufrieden seien und denjenigen, die das verneinten dann aufgetragen wurde, möglichst schnell zu kündigen. Ich weiß jetzt nicht, was aus denen geworden ist. Möglicherweise haben sie sich einen neuen Job gesucht, in dem sie unglücklich werden könnten. Vielleicht sind sie auch durchgestartet und schwelgen in Glückseligkeit.

Als es mir einmal richtig richtig gut ging, das hielt zwei Wochen an, danach bin ich richtig richtig abgestürzt, dann habe ich einen Lehrer gefragt, ob man solche unglücklichen Abstürze vermeiden könne. Meine Überzeugung war, dass es so ein Mittelding geben müssen und das man für die Euphorie eben dann mit einer Depression bezahlen müsse, um irgend so ein Gleichgewicht zu finden. Da hat er einfach gesagt, es gehe eher um die Frage, wie viel Glück man denn nun eigentlich aushalten könne.

Als ich vor vier Jahren motiviert meinen Job angetreten habe, wurde mir sehr deutlich gesagt, die herrschende Grundhaltung sei, dass niemand gerne diese Aufgaben erledige. Ich bekam regelrechte Schwierigkeiten. Und es wurde erst besser, als ich begann, schlecht gelaunt meiner Arbeit nachzugehen, mir eine nörgelige Haltung anzueignen und Arbeit nach Möglichkeit zu vermeiden.

Das war ganz gut, um zu überleben. Ich befürchte, so verhalten sich die meisten Kolleginnen und Kollegen. Man wählt also das bekannte Übel. Naja, ich hab jetzt bei der Entscheidung für einen Lebenswechsel nicht in die Waagschale geworfen, dass ich in meinem Job so glücklich war. Ich glaube aber schon, dass man es hätte werden können. Vielleicht mit einem Neustart. Also los geht’s!

Wer hat sich das eigentlich ausgedacht, dass man arbeiten muss? Es gibt immer wieder Nachrichten von Menschen, die genau das tun, was sie interessant finden und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ob ich das aushalten würde? Vielleicht muss ich dafür mein Konzept des Gemütsausgleichs fahren lassen? Achachach, meine geliebte Überzeugung? ich kann mich doch so schlecht trennen…

26.1.In Hermann Hesses Glasperlenspiel verbindet der Spielemeister verschiedene wissensbereiche miteinander und schafft damit ein Kunstwerk. Was er allerdings nicht geschafft hat, seine verschiedenen lebensbereiche miteinander zu vereinbaren. Daran stirbt er am Ende. Das sollte man Hesse zugute halten, er gibt nicht vor, dass die Vereinbarung unserer Gegensätzlichkeiten selbstverständlich wäre. Unsere Südamerikareise steht bevor, und ich bin gelinde gesagt etwas gedämpft in meiner Reiseeuphorie. Meine Freundin hält mich für depressiv, aber die euphorie anderer Reisender hat mich selten überzeugt. Daggi meint, wir haben jetzt in kürzester Zeit wirklich viele Veränderungen erlebt und Wege gebahnt. Das Wesentliche im Auge behalten. Es kommt eben nicht darauf an, irgendwo zehn euro zu sparen, oder hundert, oder vielleicht auch tausend, sondern es kommt darauf an, sich auf den Weg zu machen und los zu kommen, von den Gewohnheiten, an denen man im Alltag so klebt.

29.1.

Reisen ist immer ein Ausgleich. Und wie man unterwegs ist zeigt, wer man ist.

Nachdem ich 2016 meine Yogalehrerausbildung bei Anna Rossow und Inke Shenar abgeschlossen habe, habe ich eigene Yogakurse unter dem Motto „Innere Reisen“ angeboten. Für mich ist Yoga wirklich eine Reise im eigenen Körper, man entdeckt sich, wie einen neuen Menschen. Jedenfalls hat man anschließend Muskelkater, wo man vorher keine Muskeln vermutete.

Angefangen habe ich mit Yoga kurz vor einer Reise nach Hawaii. Und auf Hawaii dachte ich, mit Yoga könnte ich wieder dorthin kommen. Das war ein Jahr vor der Geburt unseres ersten Kindes, Und auch unsere erste reisen mit Kind brachten einen Ausgleich. Die erste war eigentlich ein Aufenthalt in Daggis Elternhaus, als ihre Eltern auf großer Reise für einen Monat waren. Ich stand mit unserem Winterkind morgens auf und trug es drei Kilometer durch den winterpark. Ich sang ihm vor und er schaute mich mit großen Augen an. Vorher machte ich Sonnengrüße bis der erste Schweißtropfen auf die Matte fiel. Mein Rücken dankte es mir. Dann kauften wir einen Wohnwagen und führen damit durch Portugal. Ich nahm wieder das Kind auf den Arm und schleppte es morgens auf die Klippen. Wie wunderbar es war, dort zu sein, das Meer zu sehen und sich selbst zu spüren.

Was Anfangs für mich fantastische Ausblicke eröffnete degenertierte unter dem Alltagsdruck zwischen Familie und Beruf zunehmend zu einem Notnagel. Zwar gibt es etwas Gutes im Schlechten, es gibt Inseln der Erholung in den Anforderungen des Alltages, aber eine Yogapraxis verdient ihren Namen nicht, wenn sie genutzt wird, um ungesunde Lebensbedingungen zu kompensieren.

Damit Yoga eine Reise bleibt braucht es ein Gleichgewicht. Innere Bewegung findet ihr Abbild im Außen. Ich bin immer gern unterwegs gewesen, deshalb widersprach es mir von jeher, irgendwo eine Wohnung zu kaufen. Immobilien machen wie es der Name schon sagt unbeweglich.

Meine ersten Reisen begannen zu schulzeiten. Ich besuchte meine Freundin in Köln per Autostopp. Dann war sie nicht da, als ich ankam. Oh, echt, du stehst vor der Tür? Ach, ich habe mich morgen grade für eine Spanienreise verabredet. Tja, ich also weiter nach Berlin, hab da noch eine andere Freundin besucht, aber richtig entspannen konnte ich irgendwie nicht.

Dann zur Zeit des Schulabschlusses mit dem Zug durch Mitteleuropa. Tschechien, Österreich, Ungarn, Spanien. Auf Parkbänken geschlafen, morgens von der Stadtreinigung nassgespritzt. Helterskelter.

Mit meinen Freunden zerstritten reiste ich alleine weiter und erlebte unglaublich romantische Nächte in Westfrankreich auf der Düne pyla von der meine große Jugendliebe immer geschwärmt hat. Noch dreimal bin ich dorthin zurückgekehrt. Einmal mit Caro, wir lebten in der Düne und wachten morgens auf, als eine spektakuläre Gewitterfront über den Atlantik auf uns zurollte. Wir rannten, fanden Schutz auf einem Campingplatz und lernten Toby kennen, den wir dann ein Jahr später in England besuchten. Toby zeigte mir Tai Chi, Chi gong und capoeira. Ich wurde capoeirista in Karlsruhe und heute noch denke ich, das das der beste Sport ist. Bewegung schafft Freiheit.

Eine Reise zu Schulzeiten ging durch den bayrischen Wald, mit dem Wochenendticket so weit wie möglich, bis Bingen am Rhein, im Zelt am Rhein übernachtet, von da aus weiter nach Pirmasens und dann zu fuß mit diesem riesenrucksack über einen Riesenhügel an die französische Grenze. Am Bahnhof noch beim Ladendiebstahl erwischt, als ich eine Wanderkarte zu klauen versuchte. Mit wunden Füßen in einem Zeltlager angekommen, wo ich unerwünscht von meinen Freunden für eine Nacht geduldet wurde. Ich konnte es kaum fassen. Also weiter nach frankreich, als ob es etwas bedeuten würde, eine grenze zu überqueren. Ein paar Tage auf einen Campingplatz, Bunkeranlagen der marginot-linie besichtigt. Zu Fuß zurück, per Anhalter, als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte nahm mich einer mit, der nach Deutschland zum Tanken fuhr. Aus Mitleid. Wie ich zurückgekommen bin weiß ich nicht mehr.

30.1.Ich kam ja echt aufn Punkt. Für Südamerika haben wir ja nun ein Auto, da können wir jetzt ja unsere zwei karren erstmal abmelden. Nur wohne ich ja nun im Osten. Ich war auch schonmal in der verkehrsbehörde und hab mir das ungefähr gemerkt. So ein auffälliger plattenbau mit einem Parkplatz davor. Ich also los, mit dem Fahrrad in die ungefähre Richtung. Die Zeit ist nun schon bisschen knapp, aber so weit ist det ja nun och wieda nicht. Ich fühle mich schon wie ein alteingesessener.

Der Weg zieht sich. Daggi hat vorher für mich einen Termin vereinbart, 14:05 Uhr. Ich hatte vergessen, dass der Weg durch so ein Brachland führt, das man mit dem Auto eigentlich nicht bemerkt. OK, da an der Ecke ist schon das Schwimmbad, daran erinnere ich mich. Und jetzt an der Kreuzung? Ich fahr mal geradeaus, sonst hätte da doch sicher ein Schild gestanden. Für so eine wichtige Behörden-Straßenverkehrsamt. Ah, ok, da ist schon der plattenbau. Es ist der falsche. Um mich herum ist alles voll von diesen klötzen. Als ob ich die ganze Zeit nur geschlafen hätte, und plötzlich aufgewacht wäre, oder umgekehrt. Ein Alptraum. Ich sehe um mich herum nur diese Plattenbauten.

Ich komme etwas abgehetzt an. Hallo, ich habe einen Termin um 14:05. Ja, wie ist denn ihre Platznummer? Platznummer, Frage ich, was soll das denn nun noch sein. Ohne die geht nichts, sagt die Empfangsdame. Oh Mann, dass darf doch nicht wahr sein, sage ich und beginne, mich aufzuregen. Zum Glück kommt ein entspannter Sachbearbeiter um die Ecke, der von sich aus (!) Hilfe anbietet. sowas hätte es im Westen nicht gegeben.

Naja, die Behörde ist schon was für sich. Zum Glück sind meine Unterlagen nicht in einem Rohrpoststau stecken geblieben.

31.1.Reisen ist schon eine gefährliche Sache. Das denken vor allem diejenigen, die nicht unterwegs sind. Darüber könnte man sich streiten. Besser, man sollte sich mal fragen, welche Erinnerungen für das Leben lebendig bleiben. Für mich… nach den sexuellen Abentuern… meine Reiseabenteuer. Das eine schließt das andere ja nicht aus. Naja. Ohne wirklich prahlen zu können, ich bin nie besonders lange unterwegs gewesen.

2012/2013, als der Maya-Kalender endete war ich drei Wochen lang auf Hawaii. Zuerst wollte ich eine Kamelsafari durch die Wüste Sinai buchen, aber ein befreundeter Körpertherapeut empfahl mir eine geleitete Seminarreise auf big Island. Ich hab mir vor dem Flug fast in die Hose gemacht und auf Facebook noch ein letztes bier gepostet. Es gibt bekanntlich keines auf Hawaii und ich hatte auch noch kurz vor Abreise alle Staffeln der Serie „lost“ geschaut. Daggi hat mich ermutigt, diese Reise zu machen und mir geraten, mal richtig los zu lassen und mich richtig gehen zu lassen. Tja. Hat einer von euch schonmal so einen Roman, die Botschaft der Delfine, oder leben aus der Vision gelesen? Ich dachte vorher, das wäre alles übertrieben, aber ne. Ich habe es auch erlebt.

Man latscht da so an der Küste entlang und keine 200 Meter entfernt springt ein gigantischer wal aus dem Meer und klatscht wieder aufs Wasser. Wir sind dahin gegangen, wo die Lava ins Meer fließt, das war mein Sylvester. Ich hatte schlechte Laune und das tut mir leid, aber es war nicht schlimm, zum Glück hat niemand versucht, mir zu helfen. Wir sind in der Bucht geschwommen und haben die walgesänge gehört, das klicken der Delfine, die schwimmenden Delfingruppen, die mich zu Tränen gerührt haben. Dann saßen wir zusammen und leuchteten. Ein verrückter Haufen.

Drei Haltungen der hawaiianischen Lehrer sind mir gegenwärtig geblieben. Der eine sagte, das ist bald vorbei. Das sage ich auch meinen Kindern, wenn es ihnen schlecht geht. Der andere sagte, das Leben ist wie eine Palme und man sollte zusehen, dass man hinauf kommt, egal wie. Und es gibt gutes und schlechtes und es gibt gutes im guten, schlechtes im schlechten, das ist dann ganz blöd, schlechtes im guten und gutes im schlechten und da muss man sich dann überlegen, was man bevorzugt. Mit dem Buddhismus hat das jedenfalls gemeinsam, dass man mit den Konsequenzen leben muss. Und der dritte Lehrer meinte, jeder von uns hat normalerweise ein tägliches heiliges Ritual mit seinem okuli. Das ist hawaiianisch für arschloch. Ich habe mich hinterher noch für das Teilen seiner Weisheit bedankt und er hat sich dafür bedankt, dass ich sie erinnert habe.

Überhaupt hatten die Leute einen feinen Humor. Sag mal Jack, was sind eigentlich die lustigsten Momente in deinem Job, fragten wir den Captain unseres ausflugsbootes und er antwortete, das seien Touristen, die dumme Fragen stellten. Aber er mochte uns und begann zu plaudern. Er bringt Touristen zu den herrlichsten buchten, vermutlich zu den schönsten auf der Welt. Hinter uns nichts als tiefblaues meer. Einer fragte mal, ob dies der atlantische Ozean sei. Jack bejahte. Ach, ich dachte er sei größer. Naja, war.jacks Antwort, das ist auch nur die Hälfte, die andere Hälfte ist ja auf der anderen Seite der insel. Ob man mal dahinten hinfahren könnte, wo das Wasser so schön türkis schimmere, er wolle sich etwas davon für zu Hause abfüllen.

Jack erzählte weiter. Es gebe auch Mal Streit zwischen den Touristen und bei einer Familie knartschte es, dann sagte der mann, los komm, wir drehen um, ich will hier nicht länger sein. Das sei aus seiner Sicht schade, das sei vermutlich die schönste Bucht der ganzen insel. Außerdem seien seine Frau und seine Tochter grade zu einem gemeinsamen Tauchgang raus. Die Skipper begrüßen sich seitdem mit ausgebreiteten armen und den Worten „mir gefällt es hier nicht“

Ein Freund von Jack bietet Ballonrundfahrten an. Das sei sehr schön und man könne die ganze insel von oben sehen. Einer fragte mal, ob das sehr gefährlich sei. Also dass man sich darauf verlassen könne, dass so ein Ballon wirklich nur nach oben steigen würde…

Das schnorcheln in der Bucht war beeindruckend, auch wenn dort keine Delfine waren. An einer bekannten Stelle ruhte sich tagsüber ein kleiner Riffhai aus. Als ich an ihn heran schwamm bewegte er sich ruckartig. Ich nahm sofort reißaus. Neben mir schwamm eine Schildkröte. Sie bewegte sich langsam. Ich habe eine gute Beziehung zu diesen Tieren.

2.2.Manche wissen, dass ich nicht so streng zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheide. Und dass das so manche Probleme mit sich bringt. Es kommt zum Beispiel darauf an, zum Flughafen zu kommen, wenn der Flug geht. Eine Zeitlang war das für mich der.5. Februar. Dann stellte ich fest, dass meine Kreditkarte doppelt belastet wurde, und das lag daran, dass wir versehentlich zwei Flüge gebucht hatten. Das löste eine akute Krise aus, weil die Reise zu viert schon teuer genug ist und ein Flug für 8 Personen wir uns nicht hätten leisten können. Also wir bekamen das geld für einen Flug wieder zurück, und behielten den etwas günstigeren, dafür.längeren. der ging aber schon am 4.2. naja. Letzte Woche schauten wir nochmal nach und stellten fest,.dass der.flug vom 4.2. also in Wirklichkeit schon am 3.2. los geht…also Montag. Eben bloß am 4.2. in Montevideo ankommt. Also am Dienstag. Spannend wurde es, als von der Fluggesellschaft am samstag eine Mail eintrudelte, es sei ja nun nur noch wenige Stunden bis zu unserem Flug und wir sollten Mal zusehen, dass wir einchecken. Naja. Wir haben unser Gepäck eingewickelt, so dass es aussieht wie eine Seidenraupe auf dem Weg zum schmetterling. Toitoitoi.

5.2.Von einem Tag auf den anderen ist das leben ein anderes. Ich habe schließlich 20000 km von zu Hause zurückgelegt. Schon in Madrid wurde mir klar, dass der griffbereit gehaltene Schal eine alberne Idee war. Auf den ersten Blick erkenne ich, im ewigen Sommer angekommen zu sein. Das Essen das Wetter die Leute sind frischer, milder, entspannter als zu Hause.

Die Sonne geht im Osten auf. Das sagt erstmal nicht viel aus, wenn sie dann im Norden ihren Lauf nimmt, ist nämlich Osten gefühlt auf der linken Seite. Das Sternbild Orion steht auf dem Kopf, war in Europa noch der schwächelnde betegeuze oberhalb des Gürtels zu sehen, so steht er jetzt unterhalb. Die altbekannten Sternbilder unserer Breiten, der große wagen, Kassiopeia sind hier erstmal gar nicht zu sehen. Dafür das Kreuz des Südens,.das sieht schonmal ein bisschen ähnlich aus, wie ein eingekrachter großer wagen.

Für uns heißt es, unser Eigentum in Besitz nehmen. unsere Karre ist voller Pistenstaub, den müssen wir da erstmal rausklopfen, alle Sachen rausholen, sichten, fremden Staub raus, unseren eigenen Staub rein. Unser Vorbesitzer war mit seinem sprinti 9 Jahre lang unterwegs und er kennt jede schraube in dem Ding beim vornamen und per Handschlag. Jetzt hat er es verkauft und ist damit auch ein ganzes Stück seiner selbst verlustig gegangen. The Extension of Man. Damit der Wagen auch ein Teil von uns werden kann, müssen wir ihn erstmal kennenlernen. Und das geht am besten, indem man sich alles genau anguckt. Es ist zeitaufwendig, muss aber sein. Es ist ein sehr menschliches verlangen, sich Dinge anzueignen. Und bei diesem sehr konkreten Gegenstand macht es auch Spaß. Die Perspektive, sich einen Mercedes-Truck auszurüsten, um damit Südamerika zu bereisen… Es gibt schlimmeres Schicksale!

Schwieriger ist es, sich etwas abstraktes anzueignen, wie ein Berufsfeld. Das schöne am reisen ist, dass es immer sehr konkret ist. Es gibt auch Menschen, die Reisen garnicht gerne, die machen ihre Erfahrungen auf andere Weise. es ist auch egal. Für mich funktioniert es jedenfalls ziemlich gut. Ohne ein konkretes Ziel vor Augen zu haben spüre ich die Lebendigkeit in mich zurückkehren, die ich lange vermisst habe. Mein herz freut sich!

8.2.Sacramento heißt eigentlich Colonia und empfängt uns mit einem zuckerwatte-sonnenuntergang. Schnell zum Kai, bevor der letzte Sonnenkrümel im rotglühendem Ozean dahingeschmolzen ist. Die staunenden Touristen applaudieren, ich bestaunen die argentinischen Yachten, die am viel zu hohen Anleger festmahcnen, der freundliche Sicherheitsmitarbeiter weist uns darauf hin, dass die Kinder hier nicht ihre Füße ins Wasser halten sollten. Ich reime mir zusammen, was er sagt, viel zu tief, vier Meter, könnten reinfallen oder so. Wir schlendern durch malerische kolonialarchitektur-gässchen.

Ich denke, es würde Sinn machen, etwas über die Geschichte Uruguays zu erfahren. Die letzten Tage auf dem campingplatz bei Jan war da nicht viel zu holen. Wir fanden uns in einer Subkultur von europäischen spätkolonialisten wieder, nicht ausschließlich aber doch geprägt von alten weißen Männern, die die Welt in ihren offroad-jeeps erfahren. Dort in atlandida gibt es eine Kirche, in schöner 60er Jahre Backsteingotik, deren Bedeutung ich noch nicht ganz erfasst habe… Die nette Familie vom Campo hat dort nur einmal eine katze hingebracht, die sich verlaufen hatte. Wir wollen dort nochmal hin, auf der Rückfahrt als Zwischenstop für eine Nacht.

Morgen treffen wir unseren Besuch. Eine Freundin hat die Reiselust gepackt und kurzerhand hat sie einen Flug gebucht. Sie kommt mit der Fähre von Buenos Aires und wir freuen uns sehr!

10.2.Robotermodus, unsichtbar, Flugzeugmodus aktiviert, schlangenmodus, die Kinder haben den Papierstapel entdeckt und in Papierflugzeuge umgewandelt. Die Abende wurden von Sambabands begleitet, die Leute tanzen in den Straßen.

Wir verabschieden uns morgen von Colonia und unserer wunderbaren Unterkunft, um uns auf den Weg durchs Land zu machen. Eine Nacht haben wir in schon in atlandida im Bus geschlafen und uns wie Sardinen in unsere Kojen gequetscht. Komfort wird eben überbewertet. Dafür kriegt man aber was zu sehen. Mal schauen.

Colonia ist wirklich ein süßes Fleckchen mit dem Charme eines spanischen fischerdorfes. Es hat uns zwei wundervolle Tage beschert. Wir wohnen mit unserer Reisegefährtin der ersten Zeit in einem malerischen zur Wohnung umgebauten Ladenlokal. Unsere Straße ist die schönste Platanenallee. Genau gegenüber ist ein Kulturzentrum, leider montags und dienstags geschlossen, das Viertel, die ganze stadt ist geschichtsträchtig. Mich erinnert es an die Südspitze Portugals, Sagres.

Unser Weg führte uns durch die Altstadt, die direkt auf der Landzunge vom Meer umgeben liegt, ein Stadtteil, der offenbar früher zu den ärmeren vierteln gehörte, Hinweistafeln weisen auf Geschichtsprojekte mit Zeitzeugenberichten hin. Jetzt ist alles voller malerischer Innenhöfe und Restaurants, farbenfrohe Graffitis schmücken die Wände. Überall Badestellen und Strandabschnitte. Es ist ruhig. Die Menschen sind entspannt, unterhalten sich gedämpft. Selbst auf dem Spielplatz fallen wir mit unseren tobenden Kindern auf. Wir holen uns ein Eis und genießen es am Brunnen im Park.

Wir wären gerne noch länger geblieben, unsere Unterkunft ist leider schon vermietet. Also packen wir unseren Oskar, so heißt unser Reisebus und fahren noch für eine Nacht zum Campingplatz der Holländer, auf dem wir vor einer Woche angekommen sind. Morgen soll es dann weiter gehen, die Küste entlang nach rocha, dann ins hinterland, um die Berge zu sehen. Ab dem 20.2. haben wir wieder eine Unterkunft für sieben Tage in barra de valizas.

14.2.Ich rauche eine Zigarette. Das willkommene Nikotin verursacht Kribbeln und einen angenehmen Schwindel. Bekanntermaßen ist das eine schlechte Medizin, aber die vorhergehende Unruhe hätte weitaus schlimmere Konsequenzen. Es ist erstaunlich, wie ähnlich das Leben auf der anderen Seite der Erde ist. Unsere Kinder sind der schönste Spiegel der dunkelsten Seiten unserer Seele. In ihrem Verhalten zeigen sich die Konflikte, die wir nicht anzugehen wagen. Trotz der Sterne, die ich noch nie zuvor gesehen habe geht jeden Morgen die Sonne auf und abends wieder unter.

Wir fahren mit unserem Reisebus in die Berge Uruguays bis auf 500m. Unser Sprinter, wir nennen ihn erstmal liebevoll Oskar, nach seinem Vorbesitzer ist ein zuverlässiges Vehikel. Es geht auf und ab, die Kinder haben sich schon lange gewünscht, mal Achterbahn fahren zu dürfen.

Unterwegs nehmen wir jeden Anhalter mit und schnell sitzen im Oskar zehn Personen und 2 Hunde. Drei junge Leute aus Uruguay und Chile, die die Schönheit Chiles preisen und nichts besseres kennen, als zu reisen und unterwegs Hunde mitzunehmen, denen es ähnlich geht. Gut verstanden haben wir uns auf Anhieb mit Francesco, dem italienischen Mikrobiologen, der für eine Forschungsarbeit den Kontinent zu Fuß durchquert. Irgendwo im nirgendwo boten wir ihm an, ihn mitzunehmen und er stieg dankbar ein. Er war schon vier Tage lang unterwegs, nahm zwischendurch immer mal Proben, um den Mikroplastikgehalt zu belegen. Naja, die Ergebnisse kann man ja schonmal vorweg nehmen: die Welt ist mittlerweile voll von dem Zeug. Die Dinosaurier, verendet, verschüttet, zu Erdöl geworden zu Erdöl geworden stehen auf diese Weise wieder auf.

16.2.Die Uruguayajos sind ein anständiges Volk. Dank unserer hervorragenden Reiseleitung sind wir in der Nähe von aigua in einem Feriencamp gelandet, in dem viele Einheimische ihr Wochenende verbringen. am Abend gab es ein leckeres Essen, zu den wir uns angemeldet haben, danach wollten wir die Kinder ins Bett bringen. Als wir wie verabredet um 20 Uhr vor Ort waren, waren die Kinder auch schon sehr hungrig. Nur machte es nicht den Anschein, dass es irgendwann etwas zu essen geben würde. Wir fragten nach und fanden heraus, dass das Essen ab 22 Uhr serviert würde. Das mit den 20 Uhr war wohl eher als lockerer Treffpunkt gemeint, zu dem man sich gerne dazu gesellen könnte. Für die Kinder würde es noch etwas dauern, es gebe noch kein heißes Wasser… was auch immer das nun heißen sollte. Die Kinder harrten aus und irgendwann gab es dann herrliche kürbistortellini mit süßer Tomatensoße, die wir aßen, die Kinder jedoch verschmähten. Die kriegten dann eben das Weißbrot.

Dann brachten wir die kiz ins Bett und gingen nochmal hoch und alter war das ein Spaß! Einer konnte echt gut gitarre spielen und singen und hat alle begeistert, und alle haben diese spanischen Lieder gesungen. Einige kannte man, despasito, und eins das bei uns Parole oder so heißt. Ich bin fasziniert von der gleichzeitigen Zurückhaltung, Zufriedenheit und Feierlaune dieser Leute hier.

Unten beim Bus angekommen fanden wir eine Ameisenstraße zu unserem Campingtisch. Das hat das.reisen mit Kindern so an sich, dass viel essen auf dem Boden landet. Aber die Ameisen haben höflich an unserem Teppich entlang gewandert und nicht darüber. So ist man hier eben.

18.2.Gebeutelt von schweren Regenfällen verlassen wir Salamanca. Es soll ein ähnliches ressourt geben, mit einem Wasserfall und Lagunen, in denen man schwimmen kann. Stella ist in ihrem zelt letzte Nacht abgesoffen. Alles ist nass. Aber schön ist es schon.

Wir fahren also durch diese wunderschönen grünen Berge, bis.irgendwann ein Schild darauf hinweißt, dass es ab jetzt Eintritt kostet. Bald darauf kommt auch schon ein Betongebäude mit Kiosk. Ein Parkplatz, eine Frau verteilt Quittungen. 1euro kostet der Tagesbesuch, 5 die Übernachtung.

Es gibt auch eine Seilbahn, die ist 100m lang. Ich muss unbedingt fragen, ob man die benutzen kann, vielleicht morgen. Heute habe ich noch Muskelkater vom gestrigen klettern.

19.2.Eine estancia ist ein Stück Land und der Traum eines Uruguayajos. Wir treffen einen Mennoniten, der uns erzählt, dass sein Großvater 1945 aus Deutschland gekommen ist, da er seines glaubems wegen Pazifist sei und nichts mit dem Krieg zu tun haben wollte. Etwas merkwürdig an der Geschichte fand ich, dass der Zeitpunkt, sich vom Krieg zu distanzieren.vielleichtnfrüher hätte.gewählt.werden müssen, aber dazu konnte unser Gesprächspartner nichts mehr sagen. Nur dass sein Großvater Glück gehabt hätte und nicht an der Front habe kämpfen müssen. Über die Aufgaben seines Großvaters im kz, darüber müsse man mit seinem Vater sprechen. Der könne einem bei einer Partie Schach auch gleich die Geschichte.drr Mennoniten erklären. Wir notieren die adresse und machen uns auf den weg zu einer anderen estancia, auf der Juan mit seiner Freundin lebt. Vom Grundstückseingang zum haus sind es ca. 20 Minuten mit dem Auto. Wir fahren aber nicht schnell und müssen zweimal ein Gatter passieren. Gelegentlich kommt hier Mal eine kuh vorbei, Juan hat 1400 davon, ca 70 Pferde und ebensoviele Schafe. Außerdem Hühner, Hunde und ein Kaninchen. Man sieht sie nicht jederzeit, da sie sich auf dem Grundstück verlieren. Das Nachbargrundstück nebenan ist etwas kleiner, nur eine Ranch. Die estancia ist 2000ha groß. Juan fragt mich, ob ich schonmal geritten bin. Ich bejahe, war schließlich in der Grundschule auf Klassenreise auf dem Ponyhof. Es ist etwas anders in Uruguay, gaucho-style. Ich bin froh, dass Juan es nochmal erklärt. Also Zügel links, links, Zügel rechts rechts, Zügel zurück Bremse und mit den Füßen wackeln Gas. Es klappt nicht gleich sofort, mein Gaul ist bisschen lahm und mir widerstrebt, ihm noch doller in die Flanken zu treten. Auch gegen die Ermutigung von Juan. Schließlich erhalte ich eine gerte, mit der ich leichte Schläge auf den Pferdehintern verabreiche. Jetzt klappts, ich kann reiten. Juan zeigt uns seinen Lieblingsplatz, von dem man das Land überblicken kann. Ich staune. Juans Großvater hat das Land gekauft. Als Kind hat er hier gelebt, mit 3,5 Jahren begonnen, wilde Pferde zuzureiten. Heute wird er von außen gebucht, wenn einer Probleme mit seinen Pferden hat. Nur schlachten mag Juan nicht so gerne.

22.2.Zum ersten Mal in Regenjacke wandern wir durch valizas, bekannt für seine ewige Strandparty überrascht der Ort mit Südwind. Das ist auf dieser Seite der Erde gleichbedeutend mit kalter Luft. Antarktisch. Ich schlendere abends mit Strümpfen in den Sandalen über den Markt, der ab 22 Uhr zum Leben erwacht. Es gibt Musik von zwei gitarreros, die auf den Campingplätzen wohnen. Viele Kinder sind noch wach. Meine schlafen schon. Ich trinke noch ein bier. Morgen probiere ich mal so eine Bratwurst im Brötchen. Perrito caliente. Heißes Hündchen.

24.2.Zuerst waren wir enttäuscht, überall verschlossene bretterbuden, heruntergekommene Zeltplätze und nichts los. Dann Karneval. Wir gingen abends nochmal los und Daggi die ganze Zeit geschockt. Das ist eine andere Stadt! Die haben die Stadt vertauscht! Das leben blüht, schicke Läden in einer Reihe, leckere Straßenstände. Was man wissen muss, das leben blüht hier nachts tagsüber schlafen alle oder hängen rum und warten. Heute morgen hörte ich noch um 7 den Bass der Samba. Die heißt hier bisschen anders, irgendwas mit d. Dojanho oder so.

Zeit findet hier irgendwie parallel Platz. Wir trafen den tollen Gitarristen wieder, der sagte, er spiele gleich im Leon. Wir noch kurz auf den Markt, dann noch in eine Bar, ich sagte, komm, bevor wir ihn noch verpassen und übrigens ist das doch alles sehr sozialistisch hier. Ach, wie kommst du denn darauf, bis ich um die Ecke schaute und auf ein Riesenportrait von che Guevara zeigte. Noch ein caipi, das ist das einzige was ich angetrunken zu bestellen imstande bin und dann zum Leon. Da war noch nix, also noch ein bier zu Hause, dann nochmal los, noch ein Caipirinha und dann dauerte es noch eine Stunde. Wir saßen vor der Bühne am Lagerfeuer, da schlief einer, dachte ich zuerst, dann stellte er sich als Ronzales vor. Wirtschaftswissenschaftler. Hat auch schonmal in Hannover gearbeitet. Und in Frankfurt. Ah, wir machen einen Südamerikatrip? Schön, nette Sache, viel Spaß dabei. Die Musik… Naja, er kenne besseres. Ich bin begeistert. Es wir einfach viel mehr musiziert, als bei uns.

Man muss es nur wissen. Die Leute schlafen tagsüber. Oder arbeiten. Nachts wird gelebt.

25.2.Jeder Ort hat seine eigene Art, den Karneval zu begehen. In Valizas schick, der ganze Ort ist ein Festival. Pedrera ausgelassen, eine Wasserschlacht.

29.2.Uruguay ist ein kleines Land, dreieinhalb Millionen Einwohner, die Hälfte davon lebt in Montevideo. Dort gibt es auch die meisten Tankstellen und Geldautomaten, außerhalb wird es da schon schwieriger.

Der nächste Geldautomat ist in polonio, capo di polonio, ein abgelegener Nationalpark mit einer kleinen Siedlung. Ohne Strom, außer für den Leuchtturm und die schule. Das Prerow Uruguays, der wilde Osten. Ein Geldautomat steht am Parkeingang, wo man sein Auto stehen lassen muss. Hinein darf man nur mit Außnahmegenhemigung. Die Besucher müssen mit einem Truck im das Mekka der Sonnenanbeter gebracht werden. Der Weg führt mitten durch die Dünen, durch den Sand, ans Meer, an den Wellen entlang zu einer Ansammlung kleiner bunter Hütten, Hostels und Restaurants. Ein bisschen auch wie Westerland. Die yuppies Uruguays.

Am Strand liegen restaurants mit Blick auf die Delfine im Meer. Sie schwimmen mit der Strömung in Richtung valizas und vorher wahrscheinlich aufs offene Meer. Ich hab in valizas keine Delfine gesehen, nur eine Schildkröte, die sich versehentlich im Angelhaken verfangen hatte. Dann später in Santa Teresa wurden wieder Delfine gesehen.

Bevor ich ins Wasser bin habe ich den lifeguard befragt und war froh, sein Spanisch zu verstehen. Es gebe seitliche Strömung weiter draußen. Man werde aber nicht rausgetrieben. Der lifeguard sei auch schonmal mit den Delfinen geschwommen.

Das Wasser trübe. Ich meine, das ist nicht Hawaii wo in den klaren buchten das Wasser wie ein Vergrößerung glas wirkt. Auch in Griechenland soll es solche buchten geben. Delfine verbringen ihren Urlaub auf big Island 4m unter der Wasseroberfläche. Hawaii ist wie ein bergurlaub für Delfine und Südamerika ist Wanderungsgebiet wie für uns.

Collin aus Boston saß am Strandhostel und sagte Juan bescheid, der sofort schrieb. Sein Bruder Diego war auch da. Die halbe estancia trifft sich in polonia.

Wir gingen ums Cap herum wo warme Steine zur Rast einluden. in der Ferne eine sehundkolonie. Dann ein Seehund in den wellen. Zwei Seehunde auf dem Stein und dann hundert. Bitte nicht zu nah herangehen. Großartig.

Wir mussten dann noch den Parkplatz bezahlen und durften wieder nach Hause fahren. Die silberne Flasche ist auch wieder dabei. Ein Glück.

2.3.Auf einmal wird das Land riesengroß. Wir fahren in einen Ort, um geld abzuheben. Plötzlich wird der Ort zu einer Stadt, buntes treiben. in der ersten Bank wird unsere Kreditkarte nicht akzeptiert. Ich versuche nachzufragen. Zum Schalter darf ich garnicht erst. ein bewaffneter Wachmann holt einen Angestellten durch eine Sicherheitstür, der mich freundlich aber bestimmt abweist. Die nächste Gelegenheit sei 20km zurück, wieder an der Grenze! Dabei sind wir Grade froh, den Grenzübergang geregelt zu haben. Wir eiern ein bisschen durch den Ort, an einer Ecke erklärt uns ein Tankwart, es gebe noch drei Banken hier. Und an der nächsten klappt es auch, wir sind wieder flüssig.

Nix wie raus aus der Stadt und ab zum Meer. Der Campingplatz ist wenig einladend, wir drehen noch eine Runde am Strand. 4radantrieb. Die leute fahren mit ihren Autos direkt am Meer entlang, die Landschaft ist schier endlos. Mondlandschaft. Wir fragen einen Fischer, wie hoch das Wasser steigt, sein Portugiesisch klingt so angenehm weich. Ich verstehe kein Wort. Ich glaube, er empfiehlt uns, zum nächsten Ort zu fahren. Vierzig Kilometer am Strand entlang. Es gibt auch einen Leuchtturm, zwanzig Kilometer entfernt. Das ist uns zu weit. Wir fahren zurück, kurz vor dem Campingplatz biegen wir ein, zum Ende der Straße neben die Hütten am Strand. Liebevoll gepflegte Gärten und junge verspielte Hunde. Die Kinder lieben es. Am Strand graben Leute nach essbaren Muscheln.

Ein Anwohner erzählt, dass es im Oktober einen Sturm gab, die Häuser wurden überspült. So ist das eben am Meer. Ein Fischer will uns einen fisch schenken, aber wir haben schon gegessen. Schade. Die Leute scheinen froh, dass jemand sich interessiert. Ich würde gerne ihre Geschichten hören.

Am nächsten Morgen sind die Hunde wieder da, zur Freude der kinder. Der alte Typ kommt mit seiner Cousine, er macht ein Foto von uns. Er zeigt uns Fotos von Ausflügen mit seinen Freunden, wir machen Fotos von ihm vor seinem haus. Er lebt hier mit seiner Schwester, die sich erstmal eine Zigarette ansteckt. Sie hat eine Stimme wie Mechthild groß. Man bittet uns herein. Ein Meereshaus. Vielleicht zehn Modellschiffe. Sein Bruder stellt die her. Noch eine alte taucht auf, zieht sich wieder zurück.

Der Fischer kommt wieder vorbei. Er hat den fisch für uns filletiert. Wir staunen freudig. In Wennigsen hatte uns unser Nachbar auch manchmal einen fisch geschenkt. Geräuchert. Auf der Fahrt durch den Ort sehen wir fast nur alte Menschen. Das Florida Brasiliens. Ein Auto zu haben ist ungefähr so nützlich, wie die Landessprache zu sprechen.

7.3.Jedesmal, wenn ich unter einem Wasserfall bade, geht mein haargummi verloren. Ein solches Luxusproblem wäre nicht der Rede wert, wenn ich nicht von schlechtem Gewissen geplagt, selbiges als mikroplastikbelastung des Ökosystems auf meinem karmischen Konto eingeschrieben wüsste. Auch mein Badeschuh ist Opfer der Flussströmung geworden. In lichten Momenten wird mir die unverhältnismäßigkeit solcher Gedanken klar.

Auf der Fahrt Richtung Norden passieren wir Porto allegre, wo sich drastisch Brasiliens Aufforderung zum Konsum offenbart. Markenlogos prangen auf meterhohen Stellwänden. Daneben drängen sich  die Abgehängten in Favelas am Stadtrand, am Hafengebiet, vereinzelt Tauchen sie an Tankstellen auf, bieten an, das Auto zu waschen oder Fragen nach Lebensmitteln. Dann Satellitenstädte, Hochhausburgen. Nuevo hamburgo macht seinem Namen Ehre, zumindest was die Bevölkerungsdichte angeht. Immer wieder tauchen deutsche Begriffe auf. Eisenbahn, alles Blau, Bierwagen. Die Gegend ist deutschaffin. Es ist tiefe Nacht, als wir auf dem Campingplatz ankommen. Am nächsten Morgen vermittelt uns Andre eine Raftingtour. Er spricht deutsch, es dauert bisschen, bis wir ihn verstehen, rudimentäres Schwäbisch. Seine Großmutter hat es ihm beigebracht. Bsischt oan buab, soag mol wie heischt? Fragt er unsere Kinder.

Der nächste Ort, Gramado, wirbt mit seinem alpinen vierteln. Suiza Urbana. Überhaupt gibt es in der Gegend dicht beieinander fünf Vergnügungsparks, darunter auch der Alpenpark. Die Bewertungen bei Google sind eher mäßig. Wir meiden die Orte und fahren nach canelas. Auch eher europäischer Baustil.

Ecotourismus nannten die Jungs im Camp die Raftingtouren. Nun ja, auch dafür muss man die Boote mit dem Diesel bergaufwärts fahren. Klar, dass sich das negativ auf die Umwelt auswirkt. Alternativ könnte jedoch auch in dieses Tal ein vergnügungspark eingefräßt werden. Da ist es schon besser, man lässt den fluß, wie er ist und fährt mit dem Truck daran auf und ab. Und auch unser Flug über den Atlantik führt nicht in eine Hotelburg, sondern auf einen malerischen Campingplatz in den bergen. Übrigens habe ich heute ein Haargummi im Fluss verloren.

11.3.Das Zirpen der Grillen kann nicht beruhigend genannt werden. Es versprüht eher den Charme einer Schlagbohrmaschine in der Nachbarwohnung. Ein bisschen hat sich der Sound verändert, seit wir in Brasilien sind und nach dem abbiegen hinter Bom Jesus erschreckte mich so ein Zirpen direkt durch das offene Fahrerfenster. Zirp, zirp, zirp, es hörte nicht auf, so dass bei mir der Eindruck einer Riesenheuschrecke entstand, die sich mit vierzig Sachen neben uns her bewegte. Verunsichert blickte ich in den Rückspiegel. Die Riesenheuschrecke hatte unser Hinterrad gefressen. Zumindest angebissen. Plattfuß. Vielleicht war es auch nur einer dieser vielen spitzen Steine. Daher das gruselige Zirpen

Ich überlege kurz, ob ich einfach so tue, als wenn nichts wäre. Ob sich der Reifen vielleicht irgendwie von selbst erholt? Das könnte nachher Fragen aufwerfen. Erstmal anhalten. Schlechte Nachricht übermitteln. Die Kinder interessieren sich nicht. Das Hörspiel ist gerade so spannend. Campingstühle auspacken. Ich glaube wir essen hier. Wir glotzen in die Bedienungsanleitung. Wagenheber. Unter die Achse? Passt nicht. Unter die Karosserie? Zu kurz. Bleibt nur noch die Blattfeder. Auf keinen Fall unter die Blattfeder, steht in der Anleitung, da darf auf keinen Fall Druck drauf. Ist aber die einzige Option. Dann müssen wir eben einen Dienst anrufen. Guter Witz.

Es kommen ab und zu Autos vorbei. Nach kurzer Zeit halten zwei an, drei Männer, eine frau, zwei Kinder. Wir verstehen kein Wort, aber dass wir keine Ahnung haben ist sofort klar. Die Jungs übernehmen. Der Wagenheber kommt unter die Blattfeder, da gibt es keine Diskussion. Zackzack ist das Rad gewechselt. Wenn ihr weiter Fahrt, seid ihr erledigt, gestikuliert einer, der uns noch seinen Ausweis zeigt. Er hat einen deutschen Nachnamen, Lohmann.

Wir müssen zurück nach Bom Jesus. Ganz schön was los, es ist Rodeo! Die Autos stauen sich am Parkeingang. Erstmal Werkstatt, an jeder Ecke Autoreifenservice. Wir sind nicht der erste Plattfuß auf der Welt. Alle zu. Es ist Sonntagabends. Eine hat noch auf. Der Mechaniker macht sich gerade fertig für das Rodeo. Wir sollen morgen wiederkommen. Klaro! Auf in unsere bombaja-hosen und zum rodeo! Am Eingang fragen wir, ob wir mit unserem Bus nicht direkt auf dem Platz übernachten können. Nach einigem hin und her geht das auch. Sicherheitsaspekte, patroillien bewaffneter Sicherheitsleute patroullieren über den Platz. Wir unterhalten uns über die Regeln. Die Reiter müssen mit dem Lasso einen Bullen einfangen, manchmal in vollem Galopp. Der Moderator plappert wie euphorisches Radio. Unsere Gesprächspartnerin steht plötzlich auf. Fertig. Ihr Mann hat einen Fehler gemacht. Wer daneben wirft, ist raus. Es wird dunkel, es sind noch etliche Reiter am Start. Das ganze kann noch bis Mitternacht dauern. Viele fahren schon nach Hause, verladen ihre Pferde auf Lastwagen. Viele Kinder reiten, manchmal fünfjährige.

Am nächsten Morgen treffen wir den Mechaniker wieder. Er hat uns auf dem Fest gesehen. Diesmal ist er nicht mitgeritten, es waren viele von außerhalb dabei, darunter auch der Gewinner. Aus Sao Paulo, Santa Teresa, von weit weg. Der Reifen ist schnell geflickt, es kann weitergehen.

Die unverhoffte rutenänderung führte uns zum vollmondabend auf ein schönes hochplateau. Rio do rastro. Um unser angeknackstes vertrauen und unser reiseglück weiter zu festigen bot sich am nächsten Morgen ein sofortiger Fachwerkstattbesuch an. Unsere Route veränderte sich geringfügig und wir verbrachten den Montag in balneario. Aber wo? Am Strand? Eine Geisterstadt. Verlassene bettenburgen, gleißenden sonne und weit und breit kein Schatten.

Schlechte Idee. Wir glotzen auf unsere handys. Digital natives erobern die Welt virtuell. Es ermöglicht uns, völlig unvorbereitet durch die Welt zu reisen. Gab es ein Leben vor Google? Ein anderes. Reisen ohne Navi? Ein Abenteuer. Letztendlich entscheiden wir uns mit herz für die Kinder für den Aqua-Park. Eine unauffällige kartenmarkierung und schon von weitem am 40m hohen Turm mit Riesenrutsche erkennbar. Ob es geöffnet ist? Keine Autos davor. Kein Parkplatz. Einfach mitten reinfahren. Kein Mensch da, nur ein einsamer Typ im Liegestuhl. Er holt jemanden, si si, das Schwimmbad ist geöffnet. Wir können den Tag hier verbringen.

Außer uns ist sonst niemand da. Das führt zu der bizarren situation, dass wir immer zum scheimmeister gehen, der dann die gewünschte rutsche für uns einschaltet.

Irgendwann gehen die Kinder auch selbst, der Mann hat eine Engelsgeduld. Jetzt die gelbe, jetzt die rote, jetzt die große blaue. Nur die weiße darf ich nur alleine rutschen. Die ist 40m hoch und geht fast senkrecht. Vom eigentlichen rutschen krieg ich nicht viel mit, der Fall verschlägt mir den Atem, ich setze irgendwann auf der Wasseroberfläche auf, wie ein flippender Stein.

Die Werkstatt hat drei Stunden lang eine ausführliche Diagnose erstellt. Die teile sind leider nicht vorrätig. Aber geholfen hat es uns trotzdem irgendwie.

15.3.Die insel santa-catarina beherbergt die östliche hälfte von florianopolis. Die einzelnen Stadteile bis an die Küste sind dicht besiedelt, beliebtes Ausflugsziel für argentinische Touristen. Tagsüber drängen sich die sonnenhungrigen und Glücksjäger am Strand, eine wissenschaftliche Schätzung kam im letzten Sommer auf elf Personen pro Quadratmeter. Hinzu kommen Sonnenschirme, Surfboards, Würstchenwagen und mobile Verkaufsstände aller Art. Musikinstrumente. Ja, eine viererkombo gab jeden Tag ihr Repertoire zum besten. Es bestand leider aus vier bis sechs Songs, die im Verlauf der Tage zunehmend lustlos, aber mit beständiger Ausdauer vorgetragen wurden. Konkurrenz bekam die band zuweilen vom Cocktailwagen, der seine Anwesenheit lautstark mit der eingebauten musikanlage verkündete. Wir boten an, beim weiterschieben des wagens behilflich zu sein, als gringhos aber im falschen ton und wurden zum ersten Mal auf dieser Reise unfreundlich zurückgewiesen. Der erste zähnefletschende Brasilianer. Zwei Stunden nach den Vorfall entschuldigen sich zwei Mädels an seiner statt, sie würden sich dafür schämen, dass Touristen so einen Eindruck von Brasilianern erhalte. Dies sei lediglich den geringen Bildungsstand geschuldet.

Zum Teil mag das stimmen, sicher ist jedoch, das der junge Barkeeper seiner Überzeugung nach völlig im Recht gehandelt habe. Fünfzehn Minuten nach unserem Konflikt machte er sich auch hüftschwingend wieder davon. Bildung schützt vor Armut nicht, er würde seinen brasilianischen Traum einer baldigen, vielleicht stationären bar höchstens freundlicher verteidigen können. Ich hoffe hoffe, er lebt über dem Mindestlohn von 160 Euro pro Monat. Lebenserhaltungskosten sind vergleichbar mit den deutschen. Fisch ist billiger, zumindest an der Küste. Wir haben satt gespeist, auch wenn wir die Speisekarte nicht ganz verstehen konnten. Bei „Rabas Dore“ spuckt Google vulgär „Titten“ aus. Was wiederum auf portugisiesch eigentlich „Seios“ heißt. Als ich im Angelladen ein paar Kleinigkeiten erstand wunderte ich mich über die europäischen Preise. 35 reais sind gut 7 Euro und ich dachte, naja, was soll’s. Aber ich hatte falsch verstanden. Es kostete nur 3,50 reais. 5 Euro pro Stunde für ein Surfbrett sind eigentlich ok, ich glaube, der Inhaber verdient ganz gut. Er sei auch Surflehrer. Aber ich hab ihn immer nur im Laden gesehen. Sein Lieblingswort war „tranquillo“.

Wir haben viele Freunde gefunden, aber es war ein bisschen schwierig, sich zu verabreden. Ich glaube, die Brasilianer arbeiten wie ochsen und wenn sie dann nach Hause kommen brauchen sie erstmal einen klaren Kopf. Der ist wiederum schwer zu bekommen, bei so viel Ungleichheit. Dass uns julliet wirklich besucht, haben wir erst geglaubt, als sie vor uns stand. Wir hatten einen fantastischen Abend mit guten Essen und viel Caipirinha. Julliet hat uns dann erklärt, wie gefährlich Brasilien ist, aber im gleichen Atemzug festgestellt, dass sie das nicht beurteilen kann, aber es doch wissen müsse, sie sei ja schließlich Brasilianerin. Es gebe viele Hinweise auf sehr böse Menschen in Brasilien, der deutlichste sei die Präsidentschaftswahl Bolsonaros. Ich wandte ein, dass der ja eher von den Reichen gewählt worden sei, daher es wohl eher diese seien, die man fürchten müsse. Naja, es ist kompliziert. Yin und Yang.

Es ist eben auch ein ökonomisches Problem, julliet ist gebildet und sicherlich viel intelligenter als ich. Aber sie hat keine Kohle, fährt jeden Tag 2stunden mit dem Bus zur Uni und arbeitet hart an einer akademischen Karriere. Ich fahre dagegen jeden Tag zwei Stunden mit meinem eigenen Bus von Strand zu Strand. Julliet ist sehr besorgt, über uns, über die Welt, über die Skorpione, die in Uruguay morgens im Badezimmer waren. Wir sehen das alles nicht so eng. Wer hart arbeitet, braucht den Thrill.

Brasiliens Süden ist so gesehen ziemlich entspannt. Nur dass sich kein normaler Mensch ein Auto leisten kann. Ich kann nicht erklären, wo der ganze Verkehr herkommt. Unternehmer vielleicht, Restaurantbesitzer, Hoteliers. Die anderen, die abgehängten sammeln sich in den Favelas. Dorthin wollte uns Helena mitnehmen, ich hatte ein komisches Gefühl dabei. Sozialtourismus, guck Mal, die Armut, schnell ein Foto zur Erinnerung. Stattdessen besuchten wir ein Gartenprojekt der Universität, eine Miniaturausgabe atlantischen Regenwaldes. Mit 200 Heilkräutern, azerolakirschen, Maniokwurzeln und Bananenbäumen. Die Idee ist auch, solche Projekte in Favelas umzusetzen. Es stoße auf Interesse. Wenn ich nicht mehr nach Europa einreisen darf, würde ich gerne so etwas machen.

17.3.Corona holt uns ein. Habe ich bei unserer Abreise mich noch mit einem mexikanischen bier verabschiedet, jetzt tritt der Virus seinen verspäteten Siegeszug an. Welch ein Erfolg für das Virus, lange schlummerte es in irgendwelchen abgelegenen chinesischen Hühnermärkten, jetzt darf es alle Großstädte dieser Welt erobern! Und dazu auch die Führungselite, von einem Gipfeltreffen zwischen Trump und bolsonaro kamen 14 Mitarbeiter infiziert zurück.

So einen schwierigen Verlauf mit Lungenentzündung wünscht man niemanden. Wahrscheinlich gibt es bald einen Impfstoff und ebenso wahrscheinlich auch bald einen neuen Virus. In den unerforschten tiefen des abgelegenen tierreiches schlummern etliche Infektionsherde.

Der Umgang mit der letzten Epidemie h5non1 oder sars, oder wie die auch hießen war ja wesentlich lässiger. Der war auch nicht so ansteckend, dafür aber gefährlicher. Covid19 ist ja normalerweise eher schwächlich im Verlauf. Husten und bisschen Fieber, eine Woche und vorbei. Ich würde jetzt gerne ein T-Shirt mit der Aufschrift „bin drüber weg“ anbieten können, bzw. jemanden kennenlernen, der oder die jetzt schon durch ist.

In Südamerika sind alle Grenzen dicht. Nationalparks schließen, unsere Schiffsfahrt nach Campeche Island ist abgeblasen. Wir machen uns auf den Weg zu unseren Freunden nach Curitiba und warten dort ab, vielleicht ist der Spuk bald vorbei.

18.3.Condominia heißen die eingezäunten Siedlungen, mit Wachdienst oder dich zumindest automatischen tor am Eingang. Serginho hat uns in ein solches eingeladen, er selbst ist mit seiner Familie zwei Jahre lang die ganze Westküste bis Alaska gefahren. Jetzt sind sie froh über jeden Reisenden, der sie besucht. Auf diese Weise geben sie etwas von der Gastfreundschaft zurück, die sie selbst erhalten haben. Vielleicht schnuppern sie auf diese Weise auch ein bisschen Reiseluft. Als die Virusmeldungen sich überschlugen, machten wir uns zwei Tage früher auf den Weg nach Curitiba. Wir mussten befürchten, dass die Distriktgrenzen geschlossen würden.

Hätten wir eine Wahl, es wäre genauso gekommen. Wir besuchen unsere Freunde in Curitiba und wollten einige Wochen bleiben, möglicherweise könnten jetzt Monate daraus werden. Brasilien steht kurz vor einem Ausgangsverbot. Von einem Grenzübertritt nach Bolivien oder Paraguay ganz zu schweigen. Reisende brechen ihre reisen ab, oder bilden provisorische Gemeinschaften. Wir erwägen noch die für uns besten Lösung. Unser 90tägiges Visum gilt auch für unser Auto, wenn wir das Land verließen, müssten wir es nachholen. Oder möchte im Moment jemand nach Brasilien?

So verbringen wir die Tage mit Kinderspaß im Pool und angeln am Teich, Yoga auf der Dachterrasse, dem quitschenden  säugling und dem neuesten klatsch aus dem Büro. Besuch aus Deutschland? Muss nicht unbedingt gefährlich sein. Als Corona kam, sind wir gegangen.

27.3.In zeiten großer Unsicherheit bietet die Bibel praktischen Rat: „Ihr sollt die Türen und Fenster geschlossen halten“ Kapitel 20 Vers 6. Das Buch habe ich vergessen. Irgendwas mit I. Isaja, isechiel… Könnte auch Hiob gewesen sein. Das meint zumindest der Gärtner unserer Freunde im condominio. Und das wir uns nicht mit den Kindern draußen aufhalten sollten. Brasilien hat die Reisefreiheit drastisch eingeschränkt, es wird aber eine baldige Rückkehr zur Normalität diskutiert. Das Land kann sich einen langen shutdown einfach nicht leisten. Wir leben als Wohngemeinschaft mit fünf erwachsenen und fünf Kindern. Das der Besuch bei unseren Freunden mitten in die weltweite corona-krise fällt ist Gesprächsthema Nummer eins und bindet uns verstärkt ans haus.

Geselligkeit ist aus der Mode gekommen. Was heißt das, es geht uns gut? Das Klopapier reicht noch. Wir können aushalten, solange es essen gibt. Und Internet.

Wo vor ein paar Tagen sich noch Autos stauen gähnen heute leere Straßen zwischen den Hochhausschluchten. Es ist nichts los in der Stadt. Oscar-niemeyer-museum: geschlossen. Johannes-paul-park: geschlossen. Einkaufszone: nix los. Die Werkstatt hat noch auf. Sie erfüllt einen zentralen gesellschaftlichen bedarf. Strandbesuche: gestrichen. Ein Spaziergang zum See Höhepunkt der Woche.

Man muss sich Aufgaben suchen, mir hilft es, kleine Dinge des Alltages zu Sensationen zu machen. Erfreut hat mich, für das gebrochene Abflussrohr des Waschbeckens Ersatz besorgen zu können. Brasilianische Abflussrohre bestehen aus verzinktem faltbaren Plastik. Dafür ausgelegt, nach kurzer Zeit in den faltstellen zu reißen. Nicht dafür ausgelegt, abzudichten. Nach zehnmaligem ein und Ausbau läuft immer noch Wasser durch. Wir könnten per Videoaufzeichnung herausfinden, wo die undichte stelle sitzt. Wir lassen es. Es war vorher bestimmt nicht besser. Das Video würde vermutlich nicht viral gehen.

Ich mache Fortschritte im angeln. Angler anzusprechen und mir Tipps geben zu lassen ist momentan nicht so aussichtsreich. Täglich bin ich überzeugt davon überzeugt, aus dem Teich endlich einen Fisch zu holen. Bislang hat zwar keiner angebissen, nur aus Gedränge ist ein Fisch gegen den Haken an der Angel meines sohnes geschwommen und hängen geblieben. Der vierjährige wird diesen Erfolg nie vergessen. Nach meinem ersten Angelversuch in Laguna mündete mein zweiter Angelversuch im See wieder mit Materialverlust. Noch im Flug löste sich mein bester Blinker und flog in hohem Bogen in den See. Nachdem ich mir dann schließlich ein Tutorial zum angelauswerfen angeschaut habe, habe ich im Garten geübt. Ich hatte mich unterschätzt, das Bleigewicht flog über den nachbarlichen Bananenwald. Auf der anderen Seite der Mauer versenken es sich im Gras. Ich musste es förmlich ausgraben. Bald werde ich einen Fisch fangen. Den grill ich dann.

Es hätte schlimmer kommen können. Was, wenn Corona schlimme Blähungen auslösen würde? Oder erbrechen? Ähnlich wie bis Brother hocken wir zu zehnt im haus und gestalten mit viel Kreativität unseren Alltag. Tägliche Aufgabe ist, den Kindern gerecht zu werden und am Ende des Tages sollen die kleinen auch glücklich ins Bett fallen.

30.3.Curitiba liegt auf einer höhe von 800 Metern über dem Meeresspiegel. Die Küste ist lediglich 150 km entfernt, dorthin fährt eine alte Schmalspurbahn gemählich durch den Djungel, zurzeit nicht. Diese Bahnfahrt ist eine der Touristenattraktionen, bei vier Kilometern pro Stunde kann man während der Fahrt viel atlantischen Regenwald bewundern. Die Strände sind geschlossen, wie in Deutschland und sonst überall.

Unsere Situation im condominio ist mehr als glücklich, unser größtes Problem besteht in der Auswahl einer netflix-sendung, die allen Recht ist. Wir bewegen uns frei, auch das Verlassen des von einer Nato-Draht-bewehrten Mauer führt uns durch ein belebtes Dörfchen. Der nahegelegene Stausee bietet einen traurigen Anblick, seit Beginn der Regenzeit im Januar hat es eigentlich nicht geregnet und der Wasserspiegel steht gut einen Meter niedriger, als er sei sollte. Vielleicht gut für die Fischer, auch wenn uns kein Fisch an den Haken ging. Zumindest haben wir einen weiteren Blinker versenkt, als die Sehne beim auswerfen gerissen ist. Am neuentstandenen Seeufer haben wir Stockbrot gebacken und die Kinder haben ihre nassen Hintern am feuer gewärmt. Es war für uns vergnüglich. Die Dürre wird möglicherweise für das Land das größere Problem, als Corona.

Eine weiter bizarre Situation der Viruskrise ist die unserer Reisefreunde Uli und Susanne, die zu Beginn der Krise in Südamerika noch schnell nach Uruguay gereist sind und und noch den Weg in den wunderschönen santa-teresa-park gefunden haben. Sie sind dort fast alleine und genießen Militärschutz. Vielleicht einer der schönsten Strände auf unserer Reise. Jetzt fühlen sich die beiden dort wie Robinson Crusoe.

Fernando heißt unser sympathischer Nachbar, der gerade sein haus im stil des neuen kestner-museums bezogen hat. Sympatisch vielleicht, weil keine hohe Mauer sein Grundstück umzäunt, vielleicht auch weil noch nicht alles funktioniert, zum Beispiel nur das warme Wasser läuft. Sympatisch auf jeden Fall, weil er uns auf dem Weg zum Fischteich Späßchen zurief, wie wollt ihr denn mit den angeln etwas fangen, wollt ihr die Fische etwa erschlagen? Er meinte die Knüppel, die sich die Kinder als Angelruten ausgesucht haben. Wir waren vielleicht eine knappe Stunde am Teich, hielten unsere angeln wie üblich ins Wasser, ohne Geschick und ohne Glück. Da tauchte Fernando mit Vater und Tochter auf und jener zog eine elegante Angelrute aus, hielt den Haken kaum ins Wasser, da zappelte schon der erste Fisch am Haken. Und er geizte nicht mit seinem Wissen. Man muss den Haken tiefer befestigen, und wenn der Schwimmer wackelt, beherzt ziehen, da zappelt schon der Fisch am Haken. Ich wusste erst nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Dann würde es ein Riesenspaß und für die Kinder ist klar, dass vor der nächsten angelrunde erstmal richtige Regenwürmer gesammelt werden müssen. Jedenfalls behalten die Jungs das Angeln als erfolgreiche Erfahrung in Erinnerung. Vielleicht gelingt mir ja auch noch der Fang eines essbaren fisches, denn die fünfzehn bis zwanzig Mini-Barsche haben wir wieder zurück in den See gekippt.

Heute mussten wir Mal wieder raus, in die weite Welt, oder das, was davon noch übrig ist und es war auch nicht allzuschwer, einen Wasserfall zu finden, der bebadet werden konnte. Die Fahrt verlief durch ein malerisches Gebirge, die Straße heißt graciosa und macht ihrem Namen alle Ehre. Es gibt viele Parks auf dem Weg, viele sind geöffnet. Durch die Berge fließen klare Flüsse, in denen Kinder baden und Erwachsene angeln.

2.4.Vor einiger Zeit traf ich jemanden, der mir erklärte, er habe mit Yoga begonnen und suche nun einen Yogalehrer oder eine Yogalehrerin. Denn es sei gefährlich, alleine weiter zu machen.

Yoga ist eine Reise ins unbekannte Innere.

Für mich war immer klar, dass Yoga etwas mit dem Körper zu tun haben muss. Dagegen empfiehlt in seiner Autobiografie eines Yogi Yogananda, auf alle körperlichen Übungen von vornherein zu verzichten, seine Zeit nicht damit zu verschwenden, und sich voll auf die geistigen Aspekte zu konzentrieren. Für ihn hat es allem Anschein nach hervorragend funktioniert.

Im sagenhaften Leitfaden Patanjalis, dem Yoga-Sutra werden acht Aspekte des Yoga beschrieben: das Verhalten sich selbst und anderen gegenüber, Atem- und Körperübungen, emotions- und geistesübungen, versenkungs- und erleuchtungsübungen. Vielleicht war yoganande mit robuster körperlicher und geistiger gesundheit gesegnet und mit derartiger Vernunft begabt, dass er seine ganze Kraft auf Meditation und Erleuchtung richten konnte. Solange mir nicht klar ist, wohin das alles führen soll, verteile ich meine Energie mal schön gleichmäßig.

So viele Arten Yoga es gibt, so viele Interpretationen der einzelnen Aspekte. Viele Meditationstechniken beruhen auf der Konzentration auf einen Gegenstand, einen klang, oder ein Mantra. In der Logik patanjalis also zu den techniken des dharana. Ein Freund von mir gehörte der muslimischen sufi-richtung an. Er stammte aus Kaschmir und betrieb einen kleinen Gemischtwarenladen an der karlsruher Kaiserstraße. Wenn er vor seinem Laden stand und erzählte, verwandelte sich die Welt und die gebäude im Hintergrund wurden zu bergen, so dass man dachte, selbst in Kaschmir zu sein. Einmal nahm er mich mit zu einer sufi-versammlung, die im Kern darin bestand, einen bestimmten Satz immer und immer wieder zu wiederholen, sich in der Geschwindigkeit zu steigern. Ekstaseartig. Manche buddhistische Richtungen sammeln Gebete, oder die im gebet verbrachte Zeit wie andere Leute ihren Schmuck. Das kostbarste, was die Menschen haben, sammeln und zählen sie. Für manche ist das das gebet.

Im Verlauf meiner Ausbildung zum yogalehrer führte ich ein Tagebuch über die Dauer und Übungen meiner täglichen Praxis. Teil der Übung war es auch, zu überlegen, was ist jetzt eigentlich mein Yoga. Um es nicht zu kompliziert werden zu lassen, hielt ich mich an die vorgeschriebenen Übungen der ashtanga-tradition und siehe da, körperliche Übungen führen zu körperlichem Wohlbefinden, geistige Übungen zu geistigem und so weiter.

Jetzt kommt der Alltag. Hier gelingt mir nicht immer alles so super und naja, es ist schwer herauszukriegen, woran es liegt. Jetzt hilft die Praxis zumindest, als Basis, um nicht ganz unterzugehen. Yoga ist sowas, wie eine Schutzblase, die hilft, den Tag zu überstehen. Es hilft, sich sicher zu fühlen. Und wenn das funktioniert, kann man neue Sachen ausprobieren. Die dürfen dann auch schiefgehen. Denn man hat immer noch sein Yoga. Ein bisschen so, wie verliebt sein in sein unbekanntes innere.

20.4.Mittlerweile haben wir den Bogen raus. Das Angeln im See gehört zu unseren liebsten beschäftigungen. Klettern im Bambusgerüst, Drachensteigen oder lego ist auch nicht schlecht, aber angeln ist etwas besonderes. Weil man sich auch überlegen muss, warum man das macht. Bis auf einen konnten wir die Fische nicht essen, zu klein. Also schmissen wir sie wieder rein. Allerdings, so auf Dauer strapaziert das die Fische natürlich. Wie oft hängt wohl so ein kleiner barsch pro Woche am Haken? Und wie geht es dem Wurm, der am Haken hängt? Er hat sein Leben gern gegeben, um uns die Freude des Angelns zu machen. Menschen tun merkwürdige Dinge.

Corona führt dazu, dass in Südamerika die Grenzen zwischen den Ländern geschlossen sind. Wir können nicht wie vorgesehen Bolivien und Paraguay bereisen. Brasiliens Nationalparks sind geschlossen. Die iguazu-wasserfälle sind wegen der Dürre versiegt. Stattdessen machen wir uns auf den Weg nach Norden in Richtung Bahia. Weil es den Anschein macht, dass Brasilien zum Epizentrum der corona-krise werden könnte, suchen wir nach Möglichkeiten, nach Europa zu verschiffen.

29.4.Ein bisschen was haben wir ja schon erlebt in Brasilien. Zumindest Curitiba ein bisschen kennengelernt. Wir sind jetzt fünf Wochen im condominio und haben dieses und jenes geregelt und geklärt, uns gefragt, was werden wird und wie es weiter gehen kann, denn dass in Deutschland das Klopapier ausgeht, das hätte ja vor ein paar Wochen noch niemand erwartet.

Nach fünf Wochen habe ich ein bisschen verstanden, wie der Ort funktioniert und was für die Menschen hier wichtig ist. Ich habe mich eingelebt, weiß wo der Barbier ist, wie man zum Zahnarzt kommt und was tagsüber so geht. Kürzer an einen Ort zu sein, heißt eigentlich, durchzufahren. Reicht vielen ja vielleicht auch schon.

Corona hat uns näher an das leben gebracht, wenn auch nicht an das kulturelle. Alle kultur- und Freizeiteinrichtungen haben geschlossen. Wenn einer an Verschwörungstheorien glaubt, dann an eine gegen die kulturwirtschaft. Was ungehindert weiterläuft ist der Alltag. Vielleicht weil viele es sich nicht leisten können, ihr Geschäft zuzumachen. Öffentliche Hilfen zu erwarten wäre naiv.

Also lernen wir das Dorf kennen und die Stadt. Wir gehen einkaufen, in den Angelladen, Eis essen und Drachensteigen. Die Leute verhalten sich total normal, angeblich ist das für hiesige Verhältnisse sehr distanziert. Ich benutze täglich mein Sprüchlein, „Entschuldigung, mein Portugiesisch ist sehr schlicht.“ Die Leute sind stets gerührt. Portugiesisch ist eben ein sehr kultiviertes Spanisch.

Wie kommt es, dass plötzlich so viele Menschen bereit sind, auf Treffen mit ihren Freunden zu verzichten? Ich habe den Eindruck, dass viele auf so eine Ausnahmesituatiin regelrecht gewartet haben und nun bereit sind, Werte über Bord zu werfen, denen sie vielleicht überdrüssig geworden sind. Oder zumindest Mal pausieren zu lassen und neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Dabei ist Corona der Spiegel, der die kleinen Fiesheiten zeigt, die in uns schlummern. Die Medien titeln regelrecht reißerisch, wie Menschen es wagen können, sich zu treffen.

Als wir nach Brasilien eingereist sind, fiel mir gleich eine Veränderung auf: die Grundstücke sind umzäunt und abgesichert, sehr beliebt sind Hinweisschilder auf einen patroullierenden Wachdienst. Das hab es in Uruguay so nicht, die Grundstücke waren eher offen und löse befestigt. Die Grundhaltung war eher, Uruguay sei sicher. Keine gefährlichen Tiere und gesellschaftlicher Zusammenhalt. In Brasilien ist das anders. Haltet nicht auf freier Strecke an, schützt euch vor Überfällen. Natürlich halten wir uns an die Ratschläge der Bevölkerung. Wir sind nicht auf der Suche nach Abenteuern.

Wir leben alle in den Geschichten, denen wir begegnen. Sie umgeben uns wie Blasen und wir versuchen, unsere Angelegenheiten so gut zu regeln, wie es geht. Wer mit einem Ort verwurzelt ist kann schließlich diese Geschichte mitbestimmen.

6.5.Tja, wir haben uns nochmal auf den Weg gemacht. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre, im condominio bei unseren freunden. Nicht dass es nicht eine herbe Umstellung wäre, vom Palast wieder in die Sardinenbüchse zu ziehen. Aber das Gefühl, wieder durch die Welt zu ziehen, am Straßenrand wilde Bananenpflanzen wachsen zu sehen und es am Abend als großes Glück zu empfinden, einen Stellplatz am See zu finden und noch eine Portion Pommes zu Abend zu essen ist zu verführerisch. Wir haben die 409 km von Curitiba nach itai zurückgelegt und freuen uns sehr, am Abend wieder in kurzen Hosen und T-Shirt dasitzen zu können. Schlagartig ist das leben wieder sehr einfach. Passend zu meinem Portugiesisch.

Einiges haben wir schon gelernt in den letzten sechs Wochen. Unser portugisiesch reicht zum Essen bestellen und in uns lebt die Gewissheit, das das größte Kapital auf der Welt die Freunde und die Familie sind. Das ist es, was uns stark macht und lebendig erhält.

Und was sollten wir Zuhause denn schon erzählen, wenn aus unserer Abenteuerreise nur eine Krisenisolation geworden wäre? Tatsächlich haben wir das Glück, das Brasilien keine Einigung im Umgang mit der Krise finden kann. Vielleicht ist das Land einfach zu groß für eine gemeinsame Linie und das Chaos auf den verschiedenen Ebenen führt zu Orientierungslosigkeit. Kleinere Verwaltungseinheiten haben es da einfacher.

Eins der Highlights meiner Streifzüge durch durch Curitiba war das schlangestehen vor der policia Federal zur Verlängerung unserer Aufenthaltsgenehmigung. Wird ja noch bisschen dauern hier in Brasilien. Ich fühlte mich wie ein einheimischer. Alle wurden vor dem gebäude abgefertigt. Eine Person vor dem gebäude nahm das Anliegen auf und trug es einer Sachbearbeiterin im Gebäude zu, die dann wiederum zu mir nach draußen kam, um nochmal genau nachzufragen. Sie könne mir nicht helfen, ich solle mich an die Zollbehörde wenden, die sei nur zwei Straßen weiter. Die hatte allerdings zu.

Es passiert ja schon viel Unsinn auf der politischen Ebenen. Was uns momentan zugute kommt, denn Grade in Brasilien sind sich bundes- und Länderpolitik so zerstritten, dass es in einer fast kompletten regulationsunfähigkeit mündet. Sprich, es gibt keine Bewegungseinschränkungen. Außer im kultur- und Tourismusbereich. Das werden wir aber noch testen. Angesichts der völligen Entgleisung der brasilianischen präsidialebene Frage ich mich, ob es nicht ohnehin überkommen ist, in solchen Herrschaftszonen zu denken. Brasilien ist unregierbar.

Vielleicht sollten es eher die Städte sein, die Entscheidungscharakter tragen und die Beratungsbereiche bilden. Wäre vielleicht sogar bisschen näher an der Realität als dieses Machtgechangel.

12.5.Wir pflügen tatsächlich wieder durchs Land. Campingplätze haben geschlossen, bis auf einige. Es ist Brasilien. Ein Campingplatz, der geöffnet war lag malerisch bei drei Felsen. Inmitten einer alten kaffee- und Mangofarm, bewohnt von zwei Pferden und einer kuhherde. Der sympathische betreiber erklärte uns, dass wir uns zu den füßen eines riesen befinden. Und wirklich. Es wird schwer, in Minas gerais etwas zu finden, das genau so schön ist.

Überhaupt ist es verrückt, wir fahren durch die Bundesstaaten von Brasilien, von denen jeder so groß ist, wie Deutschland. Unregierbar und unregulierbar. Unser Glück.

13.5.Wir bleiben eine Nacht an der Tankstelle. Es ist viel los. Fliegende Händler verkaufen Kissen und legen sich dann selbst zum Schlafen auf den Fußboden. Carlos spricht uns an. Er zeigt uns Fotos von seiner Motorradreise durch den nahen Osten. Dann beschreibt er uns die Geschichte Brasiliens anschaulicher als jedes Buch. Die distrikte sind so unterschiedlich in ihrer Mentalität, dass es öfters fast zum Bürgerkrieg gekommen wäre. Carlos selbst hält nichts von der Größe seines Landes. Dafür aber mehr von der Frankfurter schule. Ein Lkw-Fahrer mit revolutionärem Bewusstsein. Er fühlt sich als Kind Rio Grandes de sul. Klar, durch seine Größe ist Brasilien mächtig in Südamerika. Aber auch empfindlich. Jeder spricht uns auf das historische Fußballspiel an. 7:1. Tja. Ist eben ein Spiel.

Carlos erklärt Geschichte so anschaulich, dass ich mir wünsche, er hätte ein Buch geschrieben. Warum er denn nicht Lehrer geworden sei? Nee, ich bin lieber Truck-Fahrer.

18.5.Es gibt diese brasilianischen Geschichten. Eine davon hat Uli erlebt, als er seinen Tisch bestellt hat. Ein toller Zedernholztisch mit eingelassener Glasscheibe. Der wurde eigens aus einem anderen Bundesstaat angeliefert. Dauerte ein bisschen, dann noch ein bisschen, weil der Lieferwagen kaputt ging. Dann kam der tisch an. Fünfzig centimeter kürzer als bestellt. Der Lieferant sagte, er hätte anders nicht in den Lieferwagen gepasst. Der Hersteller selbst behauptete, es sei doch genauso abgesprochen. Wenn sie nicht zufrieden sind, müssen sie die Transportkosten tragen.

Beim Umzug nach Brasilien ist ulis Espressomaschine kaputt gegangen. Er versucht seit zwei Jahren, sie reparieren zu lassen. Mal ist das Ersatzteil nicht lieferbar, dann ist es nicht das richtige. Dann hat der Lieferant es wiederum falsch verstanden. Im Moment ist wegen Corona die Lieferkette unterbrochen.

Ein Holzhändler hat sich geweigert Uli Holz zu verkaufen, mit der Begründung, er verkaufe nur an Handwerker. Uli solle sich an einen Tischler wenden, der dann bei dem Holzhändler einkaufen könne. Aber ich bin Tischler, beteuerte Uli, brachte aber nix. Vielleicht lag es an dem Auto, mit dem Uli vorgefahren kam.

Eine andere geschichte erlebte Elisabeth als Giovanni seinen Computer hat reparieren lassen. Lüfter kaputt, oder sowas. Als das Ding wieder zurück kam, funktionierte der Lüfter, aber die Festplatte fehlte. In der Firma hieß es, man könne nicht helfen, mit Festplatten kenne man sich nicht aus.

Unsere brasilianische geschichte fängt an, als unser Kochgas zur Neige geht. Unser deutscher Freund und vorbesitzer hat uns enthusiastisch erklärt, man könne den Gastank einfachst befüllen. An jeder lpg-tankstelle betanken. Gasautos sind in brasilien aber selten. Nach einigem herumfragen finden wir eine gastankstelle. Gnv. Gas Natural, Erdgas, das können wir nicht gebrauchen. Wir brauchen propan. Ich überlege kurz, ob ich es einfach ausprobiere. Schließlich habe ich meine Feuerzeuge auch schonmal selbst befüllt. Mit wechselnden Erfolg. Ich entscheide mich dagegen, auch aus Rücksicht auf das Leben. Das eigene und das meiner Familie.

Es beginnt die Suche nach einem experimentierfreudigem Gasunternehmer, der bereit ist, sich mit unserem ausländischem System zu befassen. Die Suche führt uns in die nächste stadt. Beim hiesigen Gaslieferanten ist nur eine Bürokraft anwesend. Die hat keine Lust und kennt sich nicht aus. Sie befüllt die Flaschen nicht selbst. Wir fragen in der nächsten Großstadt zweihundert Kilometer weiter. Kurz vor Feierabend schickt uns eine weitere mitarbeiterin zu den jungs von consigaz. Jeff ist hilfsbereit. Allerdings befüllt er die Flaschen auch nicht selbst, die kommen vom Großhandel. Und der ist in paulista. Da kommen wir grade her, da gab es das Erdgas an der Tankstelle. Jeff telefoniert herum. Es gibt weitere Großhändler auf dem Weg nach Minas gerais. Dort versuchen wir unser Glück, wir übernachten an einer Tankstelle. Heute war der Wurm drin. Mir ist in der letzten Nacht aufgefallen, dass der abnehmende mond von Jupiter und Saturn gleichzeitig begleitet wird. Vielleicht ist es eine ungünstige Zeit zum gastanken.

Wir fragen am nächsten Morgen bei einem weiteren Gasversorger. Ein Greis am Tresen erklärt, dass der Gasmann Grade unterwegs sei. Aber da hinten an der Schnellstraße gebe es so einen Großhändler. Da fahren wir hin. In der Zwischenzeit male ich mir schonmal aus, wie ich eine handelsübliche Flasche an einen baum anbinde und mit einem Schlauch dann unsere Flasche befülle. Beim Anblick des Unternehmens schöpfe ich aber wieder hoffnung. Eine Riesenfabrik. Ein Schild verkündet am Eingang so und so viele Tage unfallfrei. Eintritt verboten, Fotos machen auch. Wenn die die nicht befüllen, dann geht echt nur Plan b. Nach kurzer Verhandlung stellt sich heraus, sie können unsere Flasche befüllen. Rein technisch. Es ist nur leider verboten. Wegen Abgabe an Privatpersonen. Wir ziehen alle Register, kleine Kinder, coronavirus, warmes Essen…

Der hilfsbereite Ingenieur spricht nochmal mit dem Chef. Achso, ihr braucht das nur zum Kochen? Dann geht es. Allerdings geht es nur mit einem Spezialfahrzeug. Dem sogenannten bob. Der kommt aber erst heute Nachmittag. Wir lassen die Flasche da. Kommen nachmittags wieder. Ich glaube bis zuletzt nicht dran. Und ich glaube, die Jungs waren auch erstaunt, dass es geklappt hat. Vielleicht lags doch am Mond.

20.5.Brasilien hat als Reaktion auf die Pandemie weitestgehend kulturelle und touristische Angebote eingestellt. Am Rio Grande war das Örtchen Furnas abgeriegelt. Eine Straßensperre ließ nur ansässige passieren und auf dem Umweg durften wir ebensowenig den Aussichtspunkt besuchen. Der Rio Grande, der sonst vom Bootsverkehr so brummte lag still da, die Boote schaukelten leise am Steg. Unser Weg führte in die Berge, am Abend zeigten uns die Jungs vom Campingplatz einen ruhigen Ort am Straßenrand. Bei ihnen bleiben könnten wir nicht, wegen der Quarantäne. Die Gegend hat die tollsten Wasserfälle, aber die Straße zum nationalpark: fechada. Geschlossen.

Imhorti, ein einzigartiges Freilichtmuseum konnten wir nicht besuchen. Der Wachdienst ließ uns nicht einmal auf den Parkplatz. Wir werden stets zur nächsten Tankstelle geschickt, dort sei es sicher. Ich habe am Abend noch Lust zu einem Spaziergang. Es ist eine merkwürdige Atmosphäre. Durch den Ort krachen schwerbeladene Lastwagen. Die Luft ist klar wie der Rauch polnischer Zigaretten. Ein bisschen fühle ich mich an Zabre erinnert, die Heimatstadt meiner Eltern. Bergbau und Schwerindustrie. Es ist so staubig, dass ich mich nicht auf eine Bank am Straßenrand setzen mag.

Ist es gefährlich, nachts durch eine brasilianische Arbeiterstadt zu spazieren? Einige streunende Jugendliche. Maskiert. Aber das gehört momentan zum Schick der Zeit. Ich kaufe ein Bier an einem Straßenimbiss, alle Kneipen haben zu. Nur einer fragt mich, ob ich irgendwas brauche, als ich mich als Ausländer zu erkennen gebe. Ja, nein, danke, ich habe alles. Meine Familie schläft an der Tankstelle. Ok, da ist es sicher. Gesegnete Reise noch. An vielen Ecken steht Polizei. Kaum zwanzigjährige mit lose am Gürtel baumelnden Dienstwaffen.

Während unserer Zeit in Curitiba gab es nicht weit entfernt in Araucaria Streit in einem Supermarkt, weil ein Kunde seine Atemschutzmaske nicht tragen wollte. Der Sicherheitsdienst griff ein. Es kam zum Handgemenge, in dem sich aus der Waffe des Wachmannes ein Schuss löste. Der traf eine unbeteiligte Kassiererin. Tödlich. Das Gefühl der Unsicherheit erzeugt die Gefahr. Übertriebenes Sicherheitsbedürfnis schafft Unsicherheiten.

Mir fällt in der Stadt viel kritisches Potential auf. Gehorche, steht zynisch an jedem Absperrzaun gesprüht. Große propagandaartige Plakate loben die Präfektur. Helden, die etwas gegen die Pandemie tun. Eine zweistellige zahl und die Worte, keine Tragödie, sondern ein Verbrechen. Am nächsten Morgen weckt mich eine Kundgebung. Demonstranten stehen früh auf in Brasilien. Lachend und kaffeetrinkend steht ein auffälliger Anzugträger bei den Polizisten, der Bürgermeister? Irgendwann schiebt er sein schnittiges Motorrad aus dem Weg.

Vor einem Jahr ist hier der Damm eines Rückhaltebeckens für Abraum aus dem Erzbergbau gebrochen. Er war vom TÜV-Süd trotz erheblicher Mängel abgenommen. Eine kilometerbreite Schlammlawine begrub mit 70 km pro stunde das Tal unter sich. Über 200 Tote. Wir schauen uns die Verwüstung einer nahegelegenen Siedlung an. Tal der Wasserfälle. Der Boden und die Flüsse sind schwermetallverseucht. Wir reden mit den Anwohnern, Regressforderungen laufen noch, aber gegen die Konzerne komme man kaum an. Zuerst gaben die Verantwortlichen tiefe Betroffenheit vor, „ein großer Karneval“, aber eigentlich habe sich wenig verändert. Die traumatisierten bleiben zurück. Die Firma hat bisschen was gezahlt und den Schlamm weggeräumt. 22 Häuser wurden fortgeschlemmt, keine zweihundert Meter entfernt, aber hier oben ist ja nichts passiert. Das Grundwasser sei ja nicht betroffen. Die Leute schenken uns Mandarinen aus ihrem Garten. Ich habe ein komisches Gefühl. Die verzeichneten Straßen sind nicht mehr da. Wir müssen auf Umwegen hier wieder rausfinden.

Auf der Fahrt durchs Land sehen wir ganze Berge, die Stück für Stück abgetragen werden. Die Indios aus der Gegend haben beantragt, doch lieber umgesiedelt zu werden. Das kulturelle Highlights Brasiliens ist ein Künstler mit Museum und toller Schrottsammlung an der Landstraße. Wir trinken einen Kaffee. Er schwärmt vom Imhorti, dem Freilichtmuseum.

28.5.Eben war ich noch ein bisschen sauer auf den Mond, der mit seinem zunehmenden Licht das prachtvolle Firmament über mir zu stören versucht. Aber beim zweiten Blick versöhnte mich sein kühlender Schein schnell. Wie schön, dass keine stärkere Lichtquelle weit und breit das Sternenfunkeln stört. Das Klickern der Kaffeebeeren in meiner Hosentasche bringt mir gute Gedanken. Nicht sehr häufig ist es uns gelungen, solche unbeleuchteten Orte wie hier auf dieser Kaffeefarm in Brasilien zu finden. Von Elon musks aggressiven Starlink-satelliten weit und breit nichts zu sehen.

Allmählich kenne ich mich aus, am südlichen Sternenhimmel, wenn am Abend der Skorpion im Osten aufgeht, sind die zwillinge Castor und Pollux im Westen grade am untergehen. Und na klar, das Kreuz des Südens. Zu Beginn unserer Reise stand Orion noch hoch am Himmel mit seinem von vermeintlicher Supernova gebeuteltem Beteigeuze. Zum einen sind wir ein ganzes Stück nach Norden gezogen und natürlich trödelt auch die Sonne hinter den Sternen her, so dass Orion mittlerweile schon in ihren Schein versteckt ist, wenn er noch am Himmel steht. Die Deichsel des großen Wagens zielt auf den hellen Stern Arkturus, der schöner und heller, als sein prominenter Kollege Polaris, den wir hier natürlich nicht zu Gesicht kriegen im Bärenhüter. Ich finde Sternbilder schön und manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste mich dafür entschuldigen, mich für etwas so unspektakulären zu interessieren. Soeben ist Sirius hinter den Bergen verschwunden und mit dem Hundsstern geht allmählich auch der ganze große Hund.

Ich klappere ein bisschen vor Kälte, die Temperatur sinkt allmählich bis unter vier Grad. Das Gebirge hier ist knapp 2000m hoch. Tagsüber dann Sonnenbrandgefahr. Etwas unterhalb schläft die herzlich aufgedrehte Marlene vielleicht schon, kurz vor Sonnenuntergang hat sie uns noch einen heißen Tee gebracht, plapperte auf mich ein, ohne Rücksicht darauf, dass ich von ihrem verwaschenen Portugiesisch kaum ein Wort verstehe. Bestimmt bringt sie uns morgen früh wieder den typischen dünnen Kaffee. Bitte keinen Zucker.

Wir haben eine offene Familie gefunden, die diese Farm betreibt. Für einige Tage sind wir hier willkommen. Die Menschen in dieser gegend wirken entspannt und freundlich, ein bisschen wie die wohlhabenden uruguayajos. Die jungen wirken nicht so kreativ vergnügt, eher angespannt und auch ein bisschen traurig. Auf dem Land wohnen zweiundachtzig Personen, die sich um die Farm kümmern. Zwischendrin auch viele Bananenbäume, Orangen und Avokados. Kühe unter Zitronenbäumen. Es tut so gut, nicht in einer erdrückenden Monokultur stehen zu müssen.

Wir reisen von Einladung zu einladung, denn wegen der Pandemie haben wirklich alle touristischen Ziele konsequent geschlossen. Übertrieben, findet auch Sueli, bei ihr und ihrer Schwester Simone standen wir drei Tage in amriana, wo es keinen registrierten Coronafall mehr gäbe. Sueli haben wir als Reiseleiterin kennengelernt, sie hat uns eine der wenigen noch geöffneten, wenn auch nicht aktiven Goldminen Ouru pretos gezeigt. Ein bisschen Gold haben wir trotzdem gefunden. In nächsten Ort Mariana könne man noch Leute am Fluss Gold waschen sehen.

Wenn wir weiter fahren, ans Meer, das haben wir den Kindern verprochen kann niemand uns empfehlen, wohin. Unsere Strategie ist es Plätze zu finden, die groß genug und offen sind, so dass sich niemand vor einer Ansteckung fürchtet.

7.6.Jetzt stehen wir mal wieder auf einem autoposto, wo auch die müden Trucker sich zur einstweiligen Ruhe begeben. Manchmal suchen wir uns zum Schlafen etwas schönes, was dann allerdings mit Sicherheit geschlossen hat. So wie das zen-kloster, wo wir auch nichtmal bis zum Parkplatz kamen. Wir landeten dann in der Nähe an einem Fischteich, zur Freude der Kinder, denen ich gleich nach dem Aufstehen die Angeln vorbereiten könnte. Aber so schlecht sind die postos nicht, Restaurants und warme duschen. Und nette Begegnungen, was sonst ziemlich zu kurz kommt. Die Brasilianer sind insgesamt freundlich-zurückhaltend und vermitteln uns immer das Gefühl, willkommen zu sein. Von nächtlichen Überfällen bislang keine spur. Bahia heißt uns mit einem ruhigen Truckerplatz willkommen, das Land ist einfach zu groß, um es bei Tageslicht zu bereisen. Es wird ja auch echt früh dunkel, um 18 Uhr sagt die sonne gutenacht und lichtaus.

Näher werden wir auch dem Äquator nicht kommen. Jetzt nochmal bisschen Strandurlaub mit Kinderstrand, der ist hier schwer zu finden. Tolle Atlantikstrände mit Surferwellen. Und schwupps, weg ist das Kind… Nee, wir wollen auch mal nicht immer nur gucken müssen. Und dann mal langsam an Rückreise denken. Das wird schon kompliziert genug. Eine Einreise in die EU über Französisch-guayana haben wir ausgeschlossen. Dazu müssten wir per Fähre über den Amazonas und dann erstmal richtig durch den djungel. Außerdem haben die komplizierte Zollvorschriften.

Der Mond steht günstig. Jupiter und Saturn im Schlepptau, jetzt wundert mich garnichts mehr.

13.6.Jaja, wir werden wohl wieder nach Europa kommen. Ist ja auch in Brasilien nicht gerade angesagt herumzureisen. Die Leute sind genervt von den ewigen Restriktionen, die corona-Fallzahlen an den Orten, die wir besuchen konstant bei null. Wir treffen zwei weitere Overländer-Pärchen am Strand und besuchen staël in ihrem haus, eine lustige Brasilianerin. Eine Mischung aus Lebenslust und verschrobener esotherik. Ich glaube ihr alles, was sie sagt. Aber als sie anfängt in bolsonaro den Schafhirten zu sehen, der gegen die von den reltiloiden angeführten illuminaten die Stange hält, schweige ich respektvoll. Wir fahren noch für ein paar Tage ins Land. Auf eine Farm von einem Schweizer. Bootfahren auf dem Fluss. Dann stellen wir die karre in die Garage. Irgendwer wird wiederkommen.

Brasilien ist auf jeden Fall anders, als ich es mir vorgestellt habe. In meinen Träumen vor der Reise lauerten uns bewaffnete Banden auf und beschossen uns auf der Fahrt über die autobahn. So etwas kam tatsächlich nicht vor. Nicht Mal ein Taschendieb. Bis jetzt. Am 24.7. geht unser Rückflug nach Frankfurt. unser Auto bleibt in Belo Horizonte im schönen Minas gerais. Unser Gönner Leo lässt uns in der Familiengarage parken. Dabei haben wir ein gutes Gefühl, die süße hippieoma sagt, dass ihre Großmutter immer sagte, der Urgroßvater Leos habe ein leuchtendes drittes Auge gehabt. Er war tatsächlich sehr bekannt und ist nach wie vor im ganzen Land bekannt.